Kriterien & Konzepte von Ex situ-Kulturen
Was ist eine Erhaltungskultur?
Eine Erhaltungskultur ist eine Population (mindestens ein lebendes Individuum, in der Regel aber mehrere) eines heimischen Pflanzentaxons (Art, Unterart) regionaler Wildherkunft in einem Garten mit dem Ziel, das (regionale oder globale) Aussterben dieses Taxons zu verhindern.
Dies bedeutet, dass alle einheimischen Pflanzen in gärtnerischer Kultur eine Erhaltungskultur darstellen, wenn
- die Pflanzen aus einer einheimischen Wildpopulation stammen und diese Herkunft dokumentiert ist, wenn
- die Art (oder Unterart oder sonstiges infraspezifisches Taxon) auf lokalem, regionalem oder globalem Level akut oder potenziell vom Aussterben bedroht ist und wenn
- die Kultivierung das Ziel verfolgt, dieses Aussterben zu verhindern.
Die Kultur muss zunächst das Überleben und Gedeihen der Pflanzen sicherstellen. Sie muss aber auch die Identität der Population in Kultur gewährleisten. Bei langlebigen Pflanzen sowie bei vegetativer (ungeschlechtlicher) Vermehrung ist dies einfach und beinhaltet lediglich die dauerhafte Etikettierung und gesicherte Dokumentierung der Herkunft.
Bei generativer (geschlechtlicher) Vermehrung ist aber auch auf die genetische Identität der Population in Kultur zu achten. Dies bedeutet in erster Linie, die Kreuzung mit unerwünschten Partnern zu vermeiden. Unerwünschte Partner sind zum Beispiel Gartenformen, Wildformen verwandter Arten und getrennt zu haltende Wildherkünfte der gleichen Art (beispielsweise eine zweite Erhaltungskultur, die aus einem anderen Lebensraum stammt). Das Risiko kann von Art zu Art sehr unterschiedlich sein. So sind Nelken (Dianthus) und Küchenschellen (Pulsatilla) für ihre leichte Kreuzbarkeit bekannt.
In zweiter Linie ist auch die unbeabsichtigte genetische Veränderung über mehrere Generationen zu vermeiden. Zu einer gärtnerisch optimierten Beet- oder Topfkultur würde zum Beispiel eine kontinuierlich günstige Wasser- und Nährstoffversorgung gehören. Unter solchen Bedingungen bringen diejenigen Pflanzen aus der Population am meisten Samen hervor, die ein solches Optimum besonders gut ausnutzen können. In der Natur gibt es hingegen generell weniger optimale Zustände und auch Stresszeiten wie etwa Dürren. Die meisten Samen produzieren hier solche Pflanzen der Population, die daran besonders gut angepasst sind, und das sind fast immer andere als die im Garten besonders erfolgreichen. Über einige Generationen im Garten kann das eine deutliche Veränderung der genetisch fixierten Anpassungsleistungen innerhalb der Population zur Folge haben. Die Nachkommen sind dann weniger lebenstüchtig, wenn sie zurück in die Natur gebracht werden. Daher ist es im Garten besser, die Erhaltungskulturen in naturnahen Anlagen zu halten als in Beeten oder Töpfen, wenn die Kultur über mehrere Generationen geht.
Um solche genetischen Veränderungen später nachvollziehen zu können, sind Exemplare aus der Erhaltungskultur in regelmäßigen Abständen im Gartenherbarium (und am besten zusätzlich auch als silicagelgetrocknetes Material für genetische Analysen) zu dokumentieren.
Es ist allerdings derzeit eine offene Forschungsfrage, ob die genetische Reinhaltung auch sehr kleiner Rest-Wildpopulationen sinnvoll ist. In sehr kleinen Populationen können nämlich auch natürliche genetische Verarmungsprozesse ungünstige Folgen für das Überleben mit sich bringen. Dem könnte man mit dem Einkreuzen nah verwandter Herkünfte der gleichen Art entgegenwirken. Damit könnten allerdings wiederum auch genetisch fixierte lokale Anpassungen zerstört werden.