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#1 14.10.2012 13:14

Jürgen Griego
Mitglied
Registriert: 22.08.2012

Populationsgrößen

Seit einiger Zeit frage ich mich, welche Individuenzahl aus Nachzucht vom Standort unbedingt notwendig sind um die genetische Breite einer Naturpopulation erhalten zu können. Natürlich ist eine möglichst individuenreiche Nachzucht erstrebenswert. Da jedoch viele Arten in ihrem Bestand nicht gesichert sind kommt dabei eine große Herausforderung auf die entsprechneden Gärten zu. Ich gehe davon aus, daß die botanischen Gärten heutzutage durch ihre verschiedenen Aufgaben häufig an der Grenze zwischen Wünscheswertem und Möglichem arbeiten.

Sehr anspruchsvolle Arten brauchen viel Arbeitszeit durch intensive Pflege und Betreuung, sowie besondere Kulturflächen (z.B. Anzucht im alpinen Kalthaus in der Jungpflanzenphase, phasenweise Zusatzbelichtung...), die nur begrenzt zur Verfügung stehen. Gibt es eine generelle Minimumpopulationsgröße oder ist das auch von Art, Gattung und Populationsgröße am Standort abhängig und dadurch variabel?

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#2 22.11.2015 11:39

Axel Schönhofer
Mitglied
Registriert: 22.11.2015

Re: Populationsgrößen

Hallo zusammen,
der Beitrag ist zwar schon älter, ich bin aber sehr für eine Belebung.
Die notwendige „Populationsgröße“ ist sicher eine möglichst Individuen-reiche, allerdings können wir oftmals froh sein, wenn wir von manchen Arten überhaupt noch etwas zur Erhaltung in Kultur bekommen. Bei Aufnahme in die Erhaltung sollte natürlich generell ein Populationsquerschnitt gesammelt werden, und nicht nur Saatgut von einer Pflanze.
Für die Erhaltung muss man zusätzlich unterscheiden, ob eine Art sich rein generativ oder vegetativ vermehrt und ob weitere Beschränkungen bestehen. Das bedingt auch die mindestens erforderliche „Populationsgröße“ der Erhaltungskultur, sie ist also tatsächlich, auch aus Gründen der Praktikabilität, variabel.

Sich gut vegetativ vermehrende Arten kann man in wenigen getrennten Klonen ziehen. Sie sind in der Kultur sicher auch am wenigsten aufwändig. Sie können dann beliebig lange kultiviert werden, ohne das ein sogenannter „Botanischer-Garten-Effekt“ eintritt, sprich Anpassung an die künstlichen Bedingungen der Nachzucht. Sehr bewährt haben sich bei diesen Rhizom-Pflanzen Kulturen in geschlossenen Plastikkisten (Gärtnerboxen) mit hohem Rand, die sich leicht händeln, reinigen und neu ansetzen lassen, und auch die Individualität der Klone sicherstellen. Leider arbeiten wir hier mit letzten Mohikanern, also Populationen mit nur einem letzten Individuum. Beispiele sind Apium repens und Gratiola officinalis.

Arten, die generativ vermehrt werden müssen, sollten regelmäßig mit der Wildpopulation ausgetauscht werden, um den „Botanischer-Garten-Effekt“ zu vermeiden. Ist die Wildpopulation stabil, kann die Kultur als Absicherung klein gehalten werden. Ist sie akut gefährdet, sollte die Erhaltungskultur wünschenswerter Weise umfangreich sein. Hier bestehen gute Erfahrungen für viele Arten, für die auch die generellen Empfehlungen zur Nachzucht autochthonen Saatgutes gelten, d.h. Wildsaatentnahme, dann Nachzucht und Produktion über maximal 5 Jahre.

Arten mit Selbstinkompatibilität sind besonders schwierig zu erhalten, sinkt die Populationsgröße unter ein kritisches Maß. Das Risiko einer genetischen Verarmung und Sterilität nimmt mit sinkender Individuen-Zahl exponentiell zu. Ein Minimum von 30 Pflanzen in Kultur ist daher sicher gut. Ausdauernde Pflanzen müssen in der Kultur individuell gekennzeichnet bleiben und ein möglichst großer Bestand ist zu halten, sonst werden keine keimfähigen Samen mehr gebildet. Auch ist auf Änderungen der Keimfähigkeit über die Jahre zu achten, um auf eine Verarmung reagieren zu können. Beispiele sind Scorzonera und Adonis vernalis. Ebenso ist mit Arten zu verfahren, die streng männliche und weibliche Exemplare besitzen, zum Beispiel Trinia glauca und Carex davalliana.

Bei Arten mit Hybridisierungs-Gefahr, wie Iris und Aquilegia, muss auf vegetative Erhaltung und Vermehrung beschränkt werden. Dabei gilt es ebenfalls die Kultur mit einer möglichst großen Zahl gekennzeichneter Individuen zu betreiben.

Herzliche Grüße!
Axel Schönhofer

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#3 23.11.2015 07:01

Axel Schönhofer
Mitglied
Registriert: 22.11.2015

Re: Populationsgrößen

Auch die Lebensdauer der Diasporen ist wichtig. Agrostemma githago ist einjährig und keimt wohl nur wenige Monate nach Samenreife. Sie ist also nur durch lückenlose Kultur zu halten. Dagegen kann Saatgut anderer Arten (viele Apiaceen, Leguminosen) sehr lange aufbewahrt werden, sie müssen damit nicht jedes Jahr als Kultur präsent sein und ihre Aufbewahrung und Erhaltung kann auf Saatgutbanken übertragen und der Verantwortungs- und damit Arbeitsdruck auf die Botanischen Gärten reduziert werden.

Würde mich sehr interessieren, ob es hier weitere Besonderheiten zu bedenken gibt. Wie handhaben das die Gärten allgemein?
Es wäre warscheinlich gut eine Liste für Arten anzufertigen, deren Erhaltung primär nur über Lebendkulturen möglich ist. Auch die anderen Kriterien, wie Selbstinkompatibilität und minimale Populations- und Bestandsgröße wären interessant. Teilweise lassen sich diese Informationen aus den Pflanzensteckbriefen der ausgearbeiteten Artkapitel entnehmen. Diese sind extrem hilfreich und sollten unbedingt weiter ausgefüllt werden.
Herzliche Grüße!
Axel Schönhofer

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