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#1 Re: Ex-Situ-Erhaltung » Populationsgrößen » 23.11.2015 07:01

Auch die Lebensdauer der Diasporen ist wichtig. Agrostemma githago ist einjährig und keimt wohl nur wenige Monate nach Samenreife. Sie ist also nur durch lückenlose Kultur zu halten. Dagegen kann Saatgut anderer Arten (viele Apiaceen, Leguminosen) sehr lange aufbewahrt werden, sie müssen damit nicht jedes Jahr als Kultur präsent sein und ihre Aufbewahrung und Erhaltung kann auf Saatgutbanken übertragen und der Verantwortungs- und damit Arbeitsdruck auf die Botanischen Gärten reduziert werden.

Würde mich sehr interessieren, ob es hier weitere Besonderheiten zu bedenken gibt. Wie handhaben das die Gärten allgemein?
Es wäre warscheinlich gut eine Liste für Arten anzufertigen, deren Erhaltung primär nur über Lebendkulturen möglich ist. Auch die anderen Kriterien, wie Selbstinkompatibilität und minimale Populations- und Bestandsgröße wären interessant. Teilweise lassen sich diese Informationen aus den Pflanzensteckbriefen der ausgearbeiteten Artkapitel entnehmen. Diese sind extrem hilfreich und sollten unbedingt weiter ausgefüllt werden.
Herzliche Grüße!
Axel Schönhofer

#2 Re: Ex-Situ-Erhaltung » Kulturbedingungen » 22.11.2015 14:55

Hallo,
Hat jemand Erfahrung mit der Nachzucht bzw. Vermehrung von Scorzonera?
S. purpurea keimt problemlos und sofort. Allerdings bekomme ich S. laciniata nicht zum Keimen. Es wurden verschiedene mineralische Substrate versucht, der Samen sowohl flach bedeckt, als auch gesteckt. Problem ist wahrscheinlich, dass das Saatgut nicht gut ausgereift ist, da der Standort öfters gemäht wird und man dort nur "Reste" aufklauben kann. Möchte nur sicher gehen nicht schon bei der Aussaat etwas falsch zu machen.
Ein weiteres Problemkind ist Scorzonera hispanica, an deren Standort nur noch eine Pflanze übrig ist und der nächste Standort wohl im Nachbarland. Aufgrund der Selbstinkompatibilität bilden sich keine Samen mehr. Gibt es hier vielleicht Tricks die Pflanze dennoch zu vermehren, bzw. zum Samenansatz zu bringen? Die Population ist aufgrund der zwischenzeitlich vernachlässigten Biotoppflege zusammen gebrochen, jetzt sieht es wieder recht gut aus, doch die Individuen sind leider weg.
Herzliche Grüße!
Axel Schönhofer

#3 Re: Ex-Situ-Erhaltung » genetisch rein » 22.11.2015 11:57

Hallo zusammen,
meiner Meinung nach ist die Vermischung von Herkünften bei Orchideen innerhalb einer Art sicher nicht so gravierend. Wir beobachten in Rheinhessen seit Jahrzehnten eine Zunahme von Himantoglossum und Ophry apifera, die sicherlich von der Erwärmung profitieren. Das staubfeine Saatgut wurde und wird durch den Wind überall hin getragen, daher kommt es wahrscheinlich auch zu einer Populations-Vermischung auf dieser Ebene.
Problematisch ist die geschilderte Hybridisierungs-Gefahr mit mediterranen Arten, die bei Orchideen sicher auch sehr hoch ist. Das Saatgut im Zweifelsfall zu verwerfen ist die sichere Variante.
Grüße!
Axel Schönhofer

#4 Re: Ex-Situ-Erhaltung » Populationsgrößen » 22.11.2015 11:39

Hallo zusammen,
der Beitrag ist zwar schon älter, ich bin aber sehr für eine Belebung.
Die notwendige „Populationsgröße“ ist sicher eine möglichst Individuen-reiche, allerdings können wir oftmals froh sein, wenn wir von manchen Arten überhaupt noch etwas zur Erhaltung in Kultur bekommen. Bei Aufnahme in die Erhaltung sollte natürlich generell ein Populationsquerschnitt gesammelt werden, und nicht nur Saatgut von einer Pflanze.
Für die Erhaltung muss man zusätzlich unterscheiden, ob eine Art sich rein generativ oder vegetativ vermehrt und ob weitere Beschränkungen bestehen. Das bedingt auch die mindestens erforderliche „Populationsgröße“ der Erhaltungskultur, sie ist also tatsächlich, auch aus Gründen der Praktikabilität, variabel.

Sich gut vegetativ vermehrende Arten kann man in wenigen getrennten Klonen ziehen. Sie sind in der Kultur sicher auch am wenigsten aufwändig. Sie können dann beliebig lange kultiviert werden, ohne das ein sogenannter „Botanischer-Garten-Effekt“ eintritt, sprich Anpassung an die künstlichen Bedingungen der Nachzucht. Sehr bewährt haben sich bei diesen Rhizom-Pflanzen Kulturen in geschlossenen Plastikkisten (Gärtnerboxen) mit hohem Rand, die sich leicht händeln, reinigen und neu ansetzen lassen, und auch die Individualität der Klone sicherstellen. Leider arbeiten wir hier mit letzten Mohikanern, also Populationen mit nur einem letzten Individuum. Beispiele sind Apium repens und Gratiola officinalis.

Arten, die generativ vermehrt werden müssen, sollten regelmäßig mit der Wildpopulation ausgetauscht werden, um den „Botanischer-Garten-Effekt“ zu vermeiden. Ist die Wildpopulation stabil, kann die Kultur als Absicherung klein gehalten werden. Ist sie akut gefährdet, sollte die Erhaltungskultur wünschenswerter Weise umfangreich sein. Hier bestehen gute Erfahrungen für viele Arten, für die auch die generellen Empfehlungen zur Nachzucht autochthonen Saatgutes gelten, d.h. Wildsaatentnahme, dann Nachzucht und Produktion über maximal 5 Jahre.

Arten mit Selbstinkompatibilität sind besonders schwierig zu erhalten, sinkt die Populationsgröße unter ein kritisches Maß. Das Risiko einer genetischen Verarmung und Sterilität nimmt mit sinkender Individuen-Zahl exponentiell zu. Ein Minimum von 30 Pflanzen in Kultur ist daher sicher gut. Ausdauernde Pflanzen müssen in der Kultur individuell gekennzeichnet bleiben und ein möglichst großer Bestand ist zu halten, sonst werden keine keimfähigen Samen mehr gebildet. Auch ist auf Änderungen der Keimfähigkeit über die Jahre zu achten, um auf eine Verarmung reagieren zu können. Beispiele sind Scorzonera und Adonis vernalis. Ebenso ist mit Arten zu verfahren, die streng männliche und weibliche Exemplare besitzen, zum Beispiel Trinia glauca und Carex davalliana.

Bei Arten mit Hybridisierungs-Gefahr, wie Iris und Aquilegia, muss auf vegetative Erhaltung und Vermehrung beschränkt werden. Dabei gilt es ebenfalls die Kultur mit einer möglichst großen Zahl gekennzeichneter Individuen zu betreiben.

Herzliche Grüße!
Axel Schönhofer

#5 Re: Ex-Situ-Erhaltung » Wiederansiedlung » 22.11.2015 10:18

Hallo zusammen,
Ich ziehe seit 20 Jahren Gentiana pneumonanthe des letzten Vorkommens in Rheinhessen, an dem er jetzt auch langsam verschwindet. Auf der hessischen Rheinseite existiert dagegen eine stabile Population. Dort erkennt man zwei Muster. Einerseits vereinzelt kräftige, vieltriebige Altpflanzen innerhalb anderer Hochstauden und dichter Vegetation. Zum anderen eine sich verjüngende Population innerhalb schütterer Pfeifengraswiesen.

Meiner Erfahrung nach benötigt G. pneumonanthe wahrscheinlich etwa drei Jahre Entwicklungszeit zum Erreichen einer konkurrenzfähigen Größe. Im ersten Jahr bildet sich lediglich eine winzige, etwa 2-3 cm breite Bodenrosette. Im zweiten Jahr bildet sich ein einzelnes Stämmchen von vielleicht 5-10 cm Höhe. Erst im dritten Jahr wird eine Höhe von 30 cm erreicht. Dies gilt für nährstoffarme Substrate, denn nur dort wächst die Pflanze in der Natur. Als Fazit ist die Art zur Regeneration und Vermehrung auf lückige Wiesen mit wenigstens zwei Jahre bestehenden Offenstellen angewiesen. Diese dürfen jedoch nicht wie für Pionierarten ständig neu entstehen, sondern müssen durch Nährstoffarmut von selbst offen bleiben, da die Jungpflanzen auch keine Störung vertragen. Etablierte Altpflanzen können sich auch unter nicht optimalen Bedingungen lange halten. Diese Beobachtungen decken sich mit den vorher genannten Mustern.
In Hessen wird dies durch regelmäßige, späte Mahd der Standorte erreicht. Wir versuchen auf unseren Wiesen zusätzlich das Entfernen der Bodenstreu, um einen lückigen Bewuchs zu erhalten. Fette Teilbereiche sind auch geplant früher und zweischürig zu mähen. Zusätzlich wird an geeigneten Standorten neu angelegter Stromtalwiesen (nährstoffarme und nasse Abschiebeflächen) aus der Erhaltungskultur eingesät. Meinem Gefühl nach lässt sich bei uns nur so ein nachhaltiger Erfolg erzielen, sollten sich Pflanzen etablieren.

Schneckenfraß tritt im Freiland (Gartenkultur) durchaus regelmäßig auf, teilweise wurde bis ins Herz abgefressen. Die Pflanzen regenerieren bei entsprechender Größe durch Seitensprosse sehr schnell und gut und blühen als wäre nichts gewesen. Fraß-Schäden traten hier allerdings nur zur Zeit des ersten Austriebes auf, dann war die übrige Vegetation gut ausgebildet und ebenfalls "attraktiv." Im Gewächshaus sollte man vor allem die winzigen Keimlinge vor Schnecken schützen.

Herzliche Grüße!
Axel Schönhofer

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